Leseprobe

Erster Halt: Mord – Carlotta Fink Krimi 1


Kapitel 1

„Ich sag’s dir, unter dem Ding ist es höllisch heiß.“

Ich staunte nicht schlecht, als sich eine Stripperin auf den Barhocker neben mir hievte, ihre Haare abnahm und auf den Tresen legte. Im schummrigen Licht der Bar hätte ich hinter den kunstvollen langen Locken keine Perücke vermutet. Eine voluminöse Handtasche ließ sie auf den freien Hocker auf ihrer anderen Seite fallen. Sie strich sich über den glattrasierten Schädel und kratzte sich hier und da mit ihren manikürten, rot lackierten Fingernägeln. Sie waren kurz, was ich cool, aber auch ungewöhnlich fand. Von Stripperinnen hatte ich mir ein anderes Bild gemacht.

„Und es juckt elendiglich“, ergänzte sie ihre Erläuterung. „Aber Männer steh‘n nun mal drauf.“

Ich vermutete, sie meinte lange Haare, nicht Perücken. Sie zwinkerte mir mit ihren aufgeklebten Wimpern zu und steckte sich eine Zigarette an. Sie hielt mir die Zigarettenschachtel unter die Nase. „Auch eine?“

Ich schüttelte den Kopf und nahm stattdessen einen großzügigen Schluck von dem Wein, den ich beim Barkeeper bestellt hatte. Er schmeckte nach Essig und passte zum Ambiente.

Das Striplokal war in die Jahre gekommen. Das billige Vinyl, mit dem die Sitze überzogen waren, war abgewetzt und hing an einigen Stellen abgerissen herunter, sodass die Polsterung zum Vorschein kam. An den Wänden deuteten Schatten auf fleckige und speckige Stellen hin und einige Fliesen am Boden waren gesprungen, die Fugen dunkel von Dreck. Aus den Boxen drang laute Musik: Britney Spears, die im Rhythmus stöhnte und von Sklavendiensten sang. Die Sessel waren, da die Sperrstunde nicht mehr fern war, umgedreht und auf die Tische gestellt, die Bühne lag im Dunkeln.

Unter normalen Umständen wäre ich wohl nicht in eine Bar gegangen, über deren Eingang unmissverständlich die leuchtendrot pulsierende Silhouette einer Stripperin prangte, doch ich brauchte dringend einen Absacker, bevor ich für meinen zum Wohnmobil umgebauten alten VW Bus einen Stellplatz für die Nacht suchte. Vielleicht würde ich mir auch ein Hotelzimmer leisten, da ich Sehnsucht nach einer warmen Dusche hatte. Die Katzenwäsche, die meine Außenbrause erlaubte, war kalt und empfahl sich auch nicht unbedingt für einen Parkplatz mitten in der Stadt. Damit würde ich in jedem Fall Aufsehen erregen.

Seit meinem Studienabschluss führte ich das Leben einer Nomadin. Zum einen wollte ich die Welt sehen, zum anderen hatte ich keine Lust, mich um Rechnungen zu sorgen, die das Leben in einem Haus oder einer Wohnung mit sich brachten. Die wenigen Ausgaben, die ich hatte, deckte ich mit Gelegenheitsarbeiten ab. Der größte Kostenpunkt war der Sprit, ansonsten lebte ich sparsam. Ich hatte ein Handy und ich benötigte einen Internetanschluss, da ich einen Blog betrieb und gerne über die Geschehnisse auf der Welt auf dem Laufenden blieb. Meistens richtete ich für meinen Laptop einen Hotspot mit meinem Mobiltelefon ein, manchmal nutzte ich auch öffentliches WLAN. Lebensmittel brauchte ich nicht viele, da ich mir in meiner kleinen Küche nur einfache Gerichte zubereitete. Auf diese Weise lebte ich nun schon drei Jahre und hatte fast ganz Europa und Teile Asiens gesehen. Ich hatte es immer noch nicht satt.

Das alles erklärte natürlich nicht, warum ich in einer Stripbar gelandet war. Nun, es war schon spät, ich hatte über achthundert Kilometer in meinem Van zurückgelegt und keine Lust, allzu lange nach einem offenen Lokal zu suchen. Um diese Uhrzeit gab es ohnehin nicht viele Alternativen, außer vielleicht das Bordell gegenüber. Zudem war ich der einzige Gast – was erklärte, warum die Stripperin keine Bedenken hatte, ihre Perücke abzunehmen. Vielleicht hatte sie aber auch Feierabend und es war ihr gleichgültig, was andere von ihr denken mochten.

„Lange Nacht?“, fragte ich und versuchte sie unauffällig zu mustern. Über das glitzernde Ensemble aus String und Büstenhalter, das wohl ihr Bühnenoutfit war, hatte sie eine Trainingsjacke angezogen, die vorne offen stand. Ihr Körper verriet, dass sie noch jung war, die Schminke, die sie trug, konnte leicht darüber hinwegtäuschen. Sie saß auf ihren nackten Pobacken, die Stilettoabsätze ihrer Plateauschuhe hatte sie auf der untersten Querstrebe des Barhockers eingehakt.

Sie nahm einen tiefen Zug von ihrer Zigarette und blies den Rauch mit einem schweren Seufzer aus. „Hach, du hast ja keine Ahnung! Aber ich will mich nicht beschweren, das Geschäft läuft und meine Taschen sind mit Trinkgeld gefüllt. Hast du was dagegen?“ Damit meinte sie die Snackschüssel mit Salzgebäck auf dem Tresen, die sie nun zu sich heranzog, um daraus zu essen. Die Schüssel war schon da gewesen, als ich gekommen war und ich hatte sie nicht angerührt.

„Keineswegs. Aber hast du schon einmal etwas von Urincracker gehört?“

Sie blickte mich verständnislos an.

„Na du weißt schon. Leute, die aufs Klo gehen und ihre Hände nicht waschen? Und dann an der Bar …“

Die Stripperin schob sich unverdrossen Nüsse und Brezel in den Mund.

Ich ließ es dabei bewenden.

In dem Moment kam der Barkeeper, der kurz verschwunden war, zurück und streckte sich zur Musikanlage, die hinter der Bar hoch über den Flaschen auf einem Regal stand. Er drehte die Lautstärke zurück, danach richtete er einen Cocktail, den er vor die Stripperin auf eine kleine Serviette stellte.

„Wir schließen bald“, sagte er zu mir, „letzte Runde.“

„Danke“, ich griff nach meiner Jacke, die ich an einen Haken am Tresen gehängt hatte, „aber ich würde gerne zahlen.“

Er kippte einen Schalter an der Wand, das dimme Licht in der Bar erlosch, sodass nur mehr die Theke beleuchtet war, und er kippte noch einen zweiten, wobei er erklärte: „Die beleuchtete Stripperin draußen.“

Ich zählte die Münzen aus meiner Geldbörse und während ich meine Rechnung beglich, drückte die Stripperin ihre Zigarette im Aschenbecher aus und rutschte vom Barhocker. Sie schlüpfte aus den hochhackigen Schuhen, kramte eine zur Jacke passende Trainingshose aus ihrer Tasche, Tennisschuhe dazu, und streifte sich alles über. Ihre Bühnenschuhe packte sie ein. Dann machte sie sich daran, ihre Schminke zu entfernen. Sie hielt sich einen kleinen Handspiegel vor das Gesicht, zog zuerst die langen Wimpern ab und verstaute sie in einem Plastikschälchen, dann wischte sie sich mit Feuchttüchern sorgfältig die Farbe ab. Fünf Tücher mit roten, braunen, blauen und schwarzen Flecken entsorgte der Barkeeper am Ende für sie im Mistkübel hinter dem Tresen. Ihr Hautton war nun, nachdem das Make-up entfernt war, mindestens drei Schattierungen heller. Außerdem hatte sie Sommersprossen. Kombiniert mit einer kleinen Stupsnase wirkte sie fast kindlich, in jedem Fall aber war sie ungemein hübsch.

Die Verwandlung der Stripperin war faszinierend, doch als ich nun hörte, wie jemand zur Tür hereinkam, drehte ich mich um. Ich wunderte mich über den späten Besuch, immerhin war die Leuchtreklame an der Außenfassade bereits erloschen.

Zunächst sah ich nur den dunklen Umriss eines Mannes, mittelgroß, mit breiten Schultern, dann trat er aus dem Schatten an die Bar und ich erkannte markante Gesichtszüge, einen dunklen Dreitagebart und einen dichten Schopf dunklen Haares. Der Fremde trug Jeans, eine Lederjacke und Sneaker – alles in schwarz – und er bewegte sich mit einem lässigen Selbstbewusstsein. Er stemmt seine Hände in die Hüften und schob dabei den Jackenaufschlag zurück. War das … Ich kniff meine Augen zusammen, um schärfer sehen zu können. Ich hielt es eigentlich für unmöglich, doch dachte ich, eine Pistole unter seiner Jacke gesehen zu haben.

„Hey, Trixi“, grüßte er die Stripperin. Seine Stimme war auffallend tief und rau, als hätten Zigaretten und Alkohol einen festen Platz in seinem Leben. Was Ersteres anbelangte, konnte ich keine Einschätzung abgeben, da die gesamte Bar im Zigarettenqualm erstickte, doch übermäßigen Alkoholgenuss konnte ich für diesen Abend ausschließen. Er bewegte sich wie jemand, der Herr seiner Sinne war.

„Hallo Süßer.“ Trixi klimperte mit den Wimpern und hatte wohl vergessen, dass ihre Kunstwimpern bereits in ihrer Tasche verstaut waren. Ihre echten waren kurz und blond und erzielten nicht den gewünschten Effekt. Zumal Trixi ungestylt eher niedlich denn sexy anzusehen war.

„Er ist hinten im Büro“, sagte der Barkeeper, der den Tresen abwischte, und winkte dem Fremden weiterzugehen. Der Mann nickte, streifte mich mit einem flüchtigen Blick und verschwand hinter einer Türe, die sich zwischen Bar und Bühne befand. Trixi saß mir zugewandt seitlich am Tresen, hatte sich aber umgedreht, um ihm nachzusehen. Jetzt wetzte sie ihre Fingernägel, als wären sie Krallen, vor mir in der Luft.

„Was für ein Knackarsch. Rrrroarrrr.“ Sie knurrte wie ein wildes Kätzchen.

Ich für meinen Teil wollte nicht zugeben, dass sie recht hatte. „Trixi?“, fragte ich also stattdessen und zog, als ich ihre Aufmerksamkeit hatte, meine Augenbrauen fragend in die Höhe.

Sie ließ die Hand sinken und zuckte mit den Schultern. „Mein Bühnenname. Klingt besser als Eva. Außerdem fällt es mir dann leichter, das alles hier nicht zu sehr an mich heranzulassen. Es ist wie eine Rolle, die ich spiele. Strippen ist ein lukratives, aber auch ein hartes Geschäft.“

Ich fragte mich, warum sie diese Profession gewählt hatte, beschloss aber, dass unsere Bekanntschaft zu jung war, um derart ernste Fragen zu stellen. „Nun, da ich deinen Namen kenne, ist es nur fair, wenn ich meinen verrate.“ Ich streckte ihr meine Hand entgegen. „Carlotta.“

„Sehr erfreut“, sagte Trixi – Eva – und schüttelte mir die Hand. Ihr Blick fiel auf mein Handgelenk. „Hübsches Armband.“

Unwillkürlich griff ich danach. Es war silbern und ein graviertes Plättchen aus Roségold war an das Kettchen geschweißt. Für gewöhnlich trug ich keinen Schmuck, doch das Armband hatte sentimentalen Wert für mich und ich legte es niemals ab. Es erinnerte mich an meine Geschwister, Julia und Levi, die ich nur selten sah, aber auf diese Weise stets bei mir hatte. Julia war die Älteste, Levi nur ein Jahr jünger und ich war die Jüngste, mit zweieinhalb (Julia) beziehungsweise eineinhalb Jahren (Levi) Altersunterschied. Obwohl wir uns viel gezankt, unsere Puppen gegenseitig kopfüber im Klo versenkt und uns zu unmöglichen Mutproben wie das Essen von Insekten angestiftet hatten, standen wir uns nahe. Zum Zeichen unserer Verbundenheit hatten wir uns Schmuckstücke mit unseren Initialen gravieren lassen, nachdem ich ihnen erzählt hatte, dass ich mein Leben umkrempeln und fortan in einem Bus leben wollte. Julia trug das gleiche Armband wie ich, Levi hatte sich für eine schlichte Halskette mit einem Anhänger – beides aus Silber – entschieden. Julia war auch der Grund, weshalb ich in die Stadt gekommen war. Wir waren eine gute Stunde Fahrzeit von hier entfernt in einem kleinen, etwa zehntausend Einwohner zählenden Ort aufgewachsen. Levi lebte nach wie vor in unserer Heimatstadt, mich hatte es in die Welt und Julia in die nächste größere Stadt, also hierher, gezogen. Ich hatte schon länger nichts von ihr gehört, telefonisch war sie nicht erreichbar gewesen, und ich machte mir Sorgen um sie. Auch hatte sie seit geraumer Zeit keinen meiner Blogposts kommentiert. Normalerweise nutzte sie diese Möglichkeit, an meinem Leben teilzuhaben. Deshalb hatte ich vor, mich selbst von ihrem Wohlergehen zu überzeugen.

„Danke“, sagte ich und ließ das Plättchen los, „das Armband bedeutet mir viel.“ Ich wechselte das Thema. „Sag … Der Mann, wo ist er eigentlich hin verschwunden?“

„Ins Büro des Managers“, antwortete Eva. „Der sitzt hinten und zählt gerade die Tageslosung.“

„Ist der Mann der Eigentümer?“

„Esra?“ Eva schnaubte belustigt durch die Nase, gerade, als der Mann wieder auftauchte.

Über ihre linke Schulter sah ich, wie er aus den hinteren Räumen in die Bar trat und ein Bündel Geldscheine in die Innentasche seiner Jacke steckte. Ich runzelte die Stirn und Eva drehte sich um, um zu sehen, was mich dazu veranlasst hatte.

„He“, rief sie ihm zu und winkte ihn zu uns. „Kennst du schon meine Freundin Carlotta?“

Der Mann kam herüber und unterzog mich einer Musterung. Ich fühlte mich unwohl unter seinem Blick. Ich hatte viele Stunden Autofahrt hinter mir, zwar nicht in den Spiegel gesehen, hegte aber die Vermutung, dass ich blass, mein Haar zerzaust und meine Kleidung zerknittert war. Vermutlich hatte ich vor Müdigkeit schwarze Ringe unter den Augen.

Er hob einen Mundwinkel zu einem schiefen Grinsen.

„Hallo Carly“, sagte er.

„Esra“, entgegnete ich, da mir Eva bereits seinen Namen verraten hatte.

Sein Grinsen vertiefte sich. Ich fand, es war ein klein wenig unverschämt und ich war mir nicht sicher, ob er mir sympathisch war. Ich mochte keine Machos.

Er nickte uns beiden zu – „Ladies“ – und verschwand hinaus auf die Straße.

„So“, sagte Eva und hängte sich die monströse Tasche über die Schulter, „ich bin dann mal weg. Und du?“

Das war eine gute Frage. Vornehmlich hatte ich zu bedenken, wo ich heute nächtigen würde. Ich war hier, um Julia zu besuchen, doch heute war es bereits zu spät dafür. Ich hatte eine gute Erziehung genossen, was bedeutete, selbst ältere Geschwister, die schon ganz andere Sachen weggesteckt hatten, nicht mitten in der Nacht aus dem Schlaf zu läuten.

„Ich suche mir ein Hotel. Vielleicht kannst du eines empfehlen? Eines, dessen Rezeption noch besetzt ist?“

Ihr Blick wurde nachdenklich, sie studierte mich eindringlich. „He Tom“, sagte sie, ohne ihren Blick von mir abzuwenden, „wirkt sie wie eine Verrückte auf dich?“

Ich starrte sie verblüfft an.

„Eine, die vielleicht in der Nacht mit dem Messer auf mich losgeht?“

„Nope“, klang die Stimme des Barkeepers dumpf hinter dem Tresen hervor, wo er sich gerade gebückt hatte, um den vollen Müllsack hervorzuziehen und zu verknoten.

„Sehe ich auch so. Du kannst heute Nacht bei mir auf der Couch schlafen.“ Damit drehte sie sich um und marschierte aus der Bar hinaus. Nur einen Moment später steckte sie den Kopf wieder zur Türe herein. „Kommst du? Ich bin hundemüde und muss ins Bett.“

Ich folgte ihr, fühlte mich aber nicht wohl bei dem Gedanken, ihr Angebot anzunehmen. Schließlich kannten wir uns kaum. Für mich haben Fremde, die gastfreundlich sind – ähnlich solchen, die fürsorglich sind –, etwas Rätselhaftes. Eva konnte sich, da wir uns nach dieser Nacht vermutlich nicht wiedersehen würden, keine Gegenleistung erwarten. Und ich mochte es nicht, in jemandes Schuld zu stehen. Also lehnte ich ab.

„Wie du willst.“ Ich hatte sie, gerade als sie die Fahrertür ihres Autos öffnete, eingeholt, um ihr für das Angebot zu danken und ihr meinen Entschluss mitzuteilen. Sie zuckte die Schultern und schien ganz und gar nicht beleidigt zu sein. „Man sieht sich“, sagte sie und stieg in ihren roten Kleinwagen.

Ich wunderte mich über ihre Abschiedsworte und sah ihren Scheinwerfern nach, bis sie um die nächste Straßenecke bog. Ich seufzte und kletterte die Stufe zur Fahrerbank meines VW Busses hoch. Der Van war mein ganzer Stolz. Mein Vater hatte mir im Sommer nach meinem Studienabschluss geholfen ihn herzurichten. Wir hatten die Rückbänke entfernt, den Rückraum isoliert, Dielen verlegt, eine kleine Küchenzeile mit zwei Herdplatten und einem Spülbecken montiert und ein Bett mit Stauraum darunter eingebaut. Für die Fenster hatte ich bunte Vorhänge genäht und die Karosserie hatten wir in Türkis und Creme lackiert. Auf dem Dach hatte ich Solarzellen, um den Strom zu produzieren, den ich für das Licht, zum Heizen, die Wasserpumpe und den Boiler unter der Spüle und zum Kochen benötigte. Ich liebte mein mobiles Zuhause, doch in jenem Moment war ich unendlich müde und dies war einer dieser seltenen Augenblicke, da mir die Ungewissheit, wo ich die Nacht verbringen würde, eher eine Bürde denn Freiheit bedeutete. Ich bereute es, nicht beizeiten im Internet nach einem nahegelegenen Hotel gesucht und dort angerufen zu haben; eine weitere Nacht ohne Dusche erschien mir plötzlich gar nicht mehr so unattraktiv. Ich beschloss, auf dem nächsten Parkplatz, wenn er nur ruhig gelegen war, Halt zu machen und mich für die Nacht einzurichten.

Auf der Suche nach einem passenden Stellplatz bog ich von der mehrspurigen Straße ab, auf der ich mich befand. Um diese Uhrzeit war sie wenig befahren, doch ich nahm an, dass sie relativ früh wieder zum Leben erwachen würde. Ich aber erhoffte mir, zumindest bis in die Mittagsstunden hinein ungestört schlafen zu können. Deshalb kamen auch Parkplätze vor Lebensmittelgeschäften oder Einkaufszentren nicht in Frage. Ab sieben beziehungsweise acht Uhr, wenn die Geschäfte aufsperrten, würde es dort summen wie in einem Bienenstock. Außerdem standen solche Parkplätze im Privateigentum. Einzelne, über Nacht abgestellte Autos liefen Gefahr kurzerhand abgeschleppt zu werden oder ihrem Eigentümer eine Besitzstörungsklage einzuhandeln. So gesehen war die Suche nach einem passenden Parkplatz fast ebenso aufwendig wie die Suche nach einem Hotel. Etwas Gutes hatte meine Entscheidung, im Bus zu übernachten, aber auf jeden Fall: Ich sparte mir das Geld für ein Zimmer. Mein Erspartes war fast aufgebraucht und früher oder später würde ich mir wieder einen Job suchen müssen. Zwei Monate Arbeit reichten für gewöhnlich, um mich sechs Monate über Wasser zu halten.

Ich manövrierte den Bus durch einige Nebenstraßen in eine ruhige Nachbarschaft. Hier standen vornehmlich Wohnhäuser und ich drosselte das Tempo, um das ideale Plätzchen nicht zu übersehen. Auf der linken Seite verschwand eine Zufahrt zwischen zwei Gebäuden und ich versuchte mein Glück. Bingo! Sie führte in einen Hinterhof, in dem mehrere Autos abgestellt waren. Meine Scheinwerfer krochen über die Fahrzeuge, unter denen auch Kombis und sogar ein Kastenwagen waren. Mein Bus würde sich ganz hervorragend einfügen, trotz der auffälligen Lackierung. Zumindest solange es dunkel war, spielte selbige keine Rolle. Ich bugsierte den Van mit dem Heck zuerst in eine schmale Lücke in einer Reihe von schräg geparkten Autos und drehte die Scheinwerfer ab. Sobald ich den Motor abstellte, sprang die Innenraumbeleuchtung an. Ich löschte auch dieses Licht. Dann nahm ich mir Zeit, um meine Umgebung zu prüfen. Alles war ruhig und aus keinem der Wohnungsfenster, die zum Parkplatz hinausgingen, drang Licht. Ich löste den Sitzgurt und beugte mich über das Lenkrad, um durch die Fensterscheibe auch die oberen Häuserstockwerke sehen zu können. Alle Fenster waren dunkel. Vermutlich schliefen die Bewohner tief und fest in ihren Betten. Zuletzt prüfte ich die Rückspiegel. Meine Augen hatten sich mittlerweile an die Dunkelheit gewöhnt. Ich gähnte, verriegelte die Türen und kletterte über die Fahrerbank in den Wohnraum. Die beiden Nackenstützen für die Beifahrer waren aus diesem Grund abmontiert. Den Vorhang zur Fahrerkabine zog ich zu, ebenso die Vorhänge vor den Fenstern. Im Finstern schlüpfte ich aus meinen Schuhen, schälte mich bis zur Unterhose aus meiner Kleidung und ertastete auf dem Bett mein Nachthemd, das ich mir über den Kopf zog. Die Arme durch die Ärmellöcher gesteckt, dann fiel ich auf das Kissen. Meine Energie reichte gerade noch, um mich zuzudecken. Und dann, von einem Moment auf den anderen, war ich eingeschlafen.


Ein dumpfes Geräusch, wie ein Schlag, weckte mich. Ich riss erschrocken die Augen auf. Es war noch immer stockdunkel und mein Herz raste. Ich war nicht eigentlich schreckhaft, doch jeder, der schon einmal aus dem Nichts, etwa von einem unreifen älteren Bruder, der sich hinter einer Ecke oder einem Baumversteckt hat, angesprungen worden ist, kennt diese Schreckensmomente. In diesem Fall war ich noch dazu aus dem Tiefschlaf gerissen worden und mein noch in fantastischen Schlummerwelten weilendes Gehirn spulte Horrorszenen ab. Ich war wie erstarrt, wagte nicht, mich zu bewegen. Doch als es weiterhin ruhig blieb, beruhigte sich auch meine Fantasie. Vermutlich war eine Katze auf das Blechdach eines Autos gesprungen … Es müsste natürlich eine sehr große, sehr schwere Katze gewesen sein, um mich zu wecken. Ich dachte an Garfield, den fetten, faulen Kater aus dem gleichnamigen Comic und hielt meine Theorie durchaus für plausibel. Selbstredend machte ich mir etwas vor. Wie zur Bestätigung war da plötzlich ein Schleifen von etwas Schwerem über Kies zu hören. Mein Herz galoppierte erneut los und ich versuchte es mit neuen Erklärungen. Jemand packte sein Auto für eine Reise … mitten in der Nacht … und die Tasche war wirklich schwer, weshalb es einfacher war, sie über den Boden zu ziehen … Und dann knirschte es direkt hinter meinem Bus. Mein Herz machte einen Satz in meiner Brust und ich hielt den Atem an. Bloß nicht bewegen! Jemand ging vorbei,ich sah es durch die Schlitze zwischen meinen Vorhängen, an dem Schatten, der an der Längsseite meines Busses vorbeizog.

„Mach schon, beeil dich!“, hörte ich eine ungehaltene Stimme. Noch einmal knirschte es, dann entfernten sich die Schritte. Ich lag im Dunkeln und lauschte. Ich zählte die Sekunden. Als etwa zehn Minuten verstrichen waren, beruhigte sich mein Herz langsam und die Vernunft gewann die Oberhand. Wie wahrscheinlich war es, dass geschehen war, wovon ich dachte, dass geschehen war?  Nichtsdestotrotz konnte ich nicht mehr einschlafen und ich wusste, dass es mir auch nicht gelingen würde, bevor ich mich nicht vergewisserte. Ich ärgerte mich über mich selbst, über meine lebhafte Fantasie, meine Neugier und mein Gewissen, das mich nicht zur Ruhe kommen ließ. Also kletterte ich aus dem Bett und öffnete die Schiebetür des Vans. Es war eine wolkenlose Nacht, der Mond schien hell herein und ich lokalisierte meine Schuhe. Barfuß streifte ich sie über und machte mich anschließend auf, den Parkplatz zu erkunden. Ich war umsichtig genug, mein Mobiltelefon mitzunehmen, doch vorläufig unterließ ich es, die Taschenlampenfunktion zu aktivieren.

Die Luft war lau, nach einem harschen Winter hatte ein milder Frühling Einzug gehalten. Nichtsdestotrotz stellten sich die feinen Härchen auf meinen nackten Armen auf, meine Beine überzog ebenfalls eine Gänsehaut. Ich war mir nicht sicher, ob dies ausschließlich mit der Temperatur zu tun hatte.

Realistisch gesehen war es so, dass meine Fantasie mir einen Streich spielte. Dennoch musste ich unwillkürlich an all die Horrorfilme denken, in denen das naive Opfer unbewaffnet in sein Verderben taumelt und womöglich auch noch laut fragt: „Ist da jemand?“, bevor das Unglück seinen Lauf nimmt. Der Zuseher weiß es besser, das Opfer selbst weiß es intuitiv besser – und tut es dennoch. Ich war da keine Ausnahme. Aktuell konnte ich mich gut in das Opfer einfühlen: Es stimmte, da gab es dieses Bauchgefühl. Andererseits gab es aber auch die Vernunft – oder war es vielleicht eine Mischung aus Hoffnung und Vernunft? –, die einem sagte, dass man sich irren musste, denn das, was man sich ausmalte, war in etwa so wahrscheinlich, wie im Lotto groß zu gewinnen. Und dennoch traf ich in dieser Nacht gewissermaßen den Lottosechser.

Ich umrundete meinen Bus und bemerkte dabei nichts Verdächtiges. Auf der einen Seite, dort, wo sich die Schiebetüre des Vans befand, hatte ich beim Einparken zum Nebenauto genügend Platz gelassen, sodass man ohne Umstände gehen konnte. Hier war auch der Schatten, den ich zwischen den Vorhängen gesehen hatte, vorbeigezogen. Auf der anderen Seite des Busses musste man sich seitlich zwischen den Fahrzeugen durchquetschen. Hinter der Reihe der parkenden Autos sprang eine Häusermauer hervor, bis etwa auf Höhe meines Vans. Daran schloss ein Grünstreifen an, auf dem ein Kinderspielplatz und eine Müllinsel ihren Platz hatten. Ansonsten war der Parkplatz von Wohnhäusern umsäumt. Und natürlich gab es auch noch die Zufahrt, auf der ich hereingekommen war.

Ich sah den Kiesweg, der zur Müllinsel führte, ein heller Streifen im dunkleren Gras, und erinnerte mich an die Schleifgeräusche und das Knirschen. Irgendetwas hielt mich davon ab, den Weg zu betreten und ich ging stattdessen über die Wiese, was zudem den Vorteil hatte, dass ich kein Geräusch verursachte. Die Müllinsel war eingeschlossen von einer etwa hüfthohen Mauer. Es gab Container für Altpapier, Restmüll, Plastik und für Altglas. Nicht, dass ich die Farben der Deckel oder die Aufschriften in der Nacht erkennen konnte, aber es war das allgemein übliche Mülltrennungssystem. Außerdem hatten die Bewohner der umliegenden Häuser in einer Ecke Sperrmüll zusammengetragen: Ein altes Röhrenfernsehgerät, Teile einer Couch und einen Lattenrost meinte ich an den Umrissen zu erkennen. Mein ungutes Gefühl verstärkte sich. Ich lauschte und drehte mich einmal im Kreis. Da alles ruhig blieb, schaltete ich die Taschenlampenfunktion meines Mobiltelefons ein und leuchtete systematisch die Ecken und Nischen der Müllinsel aus. Dabei stach mir nichts ins Auge. Also öffnete ich so lautlos wie möglich einen Container nach dem anderen und blickte hinein.

Ich weiß nicht genau, was mich dazu trieb, denn nüchtern betrachtet verhielt ich mich irrational – oder wie eine Obdachlose, die den Müll nach Lebensmitteln, brauchbaren Alltagsgegenständen und Kleidung durchsucht. In Wirklichkeit leitete mich eine fast unheimliche Intuition, gepaart mit einer Vorahnung, die sich in Grauen verwandelte, als ich direkt in ein erstarrtes Augenpaar leuchtete. Mein Atem stockte und ich unterdrückte einen Schrei. Vor Schreck ließ ich den Deckel des Containers zufallen und ein lauter Knall hallte durch die Nacht. Ich duckte mich instinktiv und presste mich neben den Container in eine Ecke. Dort kauerte ich mich zusammen und schnappte nach Luft. In meinen Ohren brauste es und ich fühlte mich der Ohnmacht nahe. Mein Atem musste rasseln wie ein Schlossgespenst mit seinen Ketten und sollte der Mörder noch in der Nähe sein, dann war das mein Ende. Denn davon war ich tief im Innersten von Anfang an überzeugt: Dass ein Mord geschehen war. Ich war mir ziemlich sicher, dass die Person, die ich gesehen hatte, tot war. Niemand schlief freiwillig in einem Müllcontainer, noch dazu mit offenen Augen – mit offenen, unheimlich leblosen Augen.

Minuten verstrichen und ich war immer noch am Leben. Irgendwann fasste ich genügend Mut, auf wackeligen Beinen aufzustehen. Mein Mobiltelefon hielt ich immer noch umklammert, die Taschenlampenfunktion hatte ich deaktiviert. Vorsichtig tastete ich mich aus der Müllinsel heraus, dann lief ich los. Wie eine Verrückte taumelte ich zum Bus und stolperte auf dem Weg dorthin mindestens dreimal. Dann war ich endlich da und warf die Türe hinter mir zu. Ich verriegelte den Van und setzte mich auf den Boden mit dem Rücken an das Bett gelehnt. Erst dann rief ich die Polizei.

Ende Kapitel 1


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